Der kürzlich veröffentlichte Artikel von Alexander Kumar auf Substack, "The $2 Billion Music Industry Scam No One Talks About", ist Anlass für diesen Beitrag. Streaming-Betrug kostet die Musikindustrie jährlich etwa 2 Milliarden Dollar. Das Skurrile: Mit “Musikindustrie” sind in erster Linie unabhängige, kleinere Musiker:innen gemeint. In diesem Artikel fasse ich die wichtigsten Punkte zusammen. Im Detail kannst du es dir im Originalbeitrag von Kumar durchlesen. Das Fazit vorweg: Lieber direkt von Musiker:innen kaufen (so wie zum Beispiel hier bei mir) oder wenn schon, dann Streaminganbieter wie Qobuz oder Apple Music nutzen.
30 Prozent aller Streams sind Fake
Laut Kumar sind 30% der Streaming-Aktivitäten auf mittelgroßen Plattformen betrügerisch. Das bedeutet, dass ein erheblicher Teil der Streams nicht von echten Hörern kommt, sondern von Bots und kriminellen Netzwerken. Diese Netzwerke generieren täglich Millionen von falschen Streams zu Kosten, die geringer sind als die eines guten Mikrofons.
Der Fall Michael Smith
Ein besonders eklatantes Beispiel ist der Fall von Michael Smith, der im September 2024 wegen des größten Streaming-Betrugs in der Geschichte angeklagt wurde. Smith nutzte KI, um Hunderttausende von falschen Songs zu generieren und nutzte 1.040 Bot-Accounts, um diese Songs täglich 661.440 Mal zu streamen. Über sieben Jahre hinweg erbeutete er so über 10 Millionen Dollar. Besonders alarmierend ist, dass Spotify nur etwa 60.000 Dollar dieses Betrugs erkannte. Der Rest blieb unentdeckt, was darauf hindeutet, dass es Hunderte ähnlicher Operationen gibt, die weiterhin ungestört arbeiten.
Smiths Geschäftsmodell war erschreckend effizient: Bei Kosten von unter 15.000 Dollar pro Monat erzielte er täglich Einnahmen von über 3.300 Dollar – eine Rendite von 700%. Dies zeigt, wie lukrativ das für ihn war. Und auch, wie schwer es ist Betrüger zu identifizieren.
Unabhängige Künstler im Fokus der Scammer
Betrüger zielen besonders auf Künstler mit 100 bis 10.000 Followern ab. Diese Künstler haben oft genug Budget für Promotion (und sind darauf auch angwiesen), aber nicht genug Erfahrung, um Betrug zu erkennen. Sie werden mit personalisierten Nachrichten angelockt, die falsche Streams anbieten. Diese Nachrichten sind oft sehr überzeugend und beziehen sich auf spezifische Songs der Künstler.
Ein Beispiel ist der Fall von Benn Jordan (The Flashbulb), dessen Musik ohne sein Zutun zu einer betrügerischen Playlist hinzugefügt wurde. Infolge dessen wurden alle seine 23 Alben von Spotify und Tidal entfernt, obwohl er niemals falsche Streams gekauft hatte. Sieben Jahre an Einnahmen, über 500.000 Dollar, waren über Nacht verschwunden.
Warum Plattformen sogar davon profitieren
Streaming-Plattformen profitieren von betrügerischen Aktivitäten, da diese die Engagement-Metriken erhöhen und somit die Plattformen für Werbetreibende attraktiver machen. Die Maßnahmen gegen Betrug sind jedoch unzureichend und intransparent.
Spotify hat zwar einen Fraud Detector, aber dieser sortiert leider auch ehrlich generierte Streams aus. So kann etwa ein plötzlicher viraler Hit als “Fraud” markiert werden. Oder wenn ein Song plötzlich in einer Radio-Rotation landet und mehr Aufmerksamkeit generiert. Was mir selbst schon passiert ist: Ich habe den eigenen Promotion-Service von Spotify (Spotify for Artists) getestet und wurde daraufhin verwarnt. In Gesprächen mit meinem Distributor und Spotify musste ich erfahren: Ich bin nicht der einzige, das passiert ganz vielen Musikern, die legitime und ehrliche Werbemethoden einsetzen. Alles nur, weil der Algorithmus offenbar nicht funktioniert.
Zwei weitere Fälle:
Final Thirteen: BBC Radio 1hat ihre Musik gespielt, was zu einem Streaming-Spike führte woraufhin Spotify ihre Musik entfernte
Katrina Stone: 26 ihrer Songs wurden gestohlen und unter einem Fake Artist wiederverwendet. Copyright Claims liefen ins Leere.
Apple Music hat zwar 2022 finanzielle Strafen eingeführt, hält die Details aber geheim, um das Ausmaß des Betrugs nicht zuzugeben. Diese Intransparenz macht es für Künstler fast unmöglich, gegen falsche Anschuldigungen vorzugehen oder ihre Musik vor Betrug zu schützen.
Technische Infrastruktur des Betrugs
Moderne Betrugsoperationen nutzen eine komplexe Infrastruktur:
- KI-Unternehmen generieren täglich Tausende von Tracks.
- Account-Farmen erstellen realistische Benutzerprofile.
- Proxy-Netzwerke sorgen für geografische Legitimität.
- Click-Farms in Entwicklungsländern fügen menschliche Elemente hinzu, wenn nötig.
Die Kosten für den Einstieg in diese kriminellen Aktivitäten sind erschreckend niedrig: KI-Song-Generierung ist kostenlos, der Zugang zu Wohnproxys kostet etwa 20 Dollar pro Monat, und 10.000 Streams kosten etwa 15 Dollar. Somit kann man für weniger als 50 Dollar beginnen, Musiker zu betrügen.
Kulturelle und wirtschaftliche Auswirkungen
Der Betrug verzerrt nicht nur die Einnahmen, sondern auch die Empfehlungsalgorithmen. Da diese Algorithmen auf betrügerischen Daten trainieren, empfehlen sie eher KI-generierte Inhalte als authentische Musik. Dies führt zu einer Verzerrung des Marktes, bei der 99% der 2024 hochgeladenen Tracks weniger als 100 Dollar einbrachten, teilweise weil der Royalty-Pool systematisch von kriminellen Operationen abgezogen wird.
Alternativen und Strategien
Glücklicherweise gibt es Alternativen, die Künstlern mehr Kontrolle und bessere Einnahmen bieten:
- Direkter Kauf bei den Künstlern: Sowie hier zum Beispiel. Kauf deine Musik einfach bei mir, dann kannst du sie so oft anhören wie du magst, auf den Devices deiner Wahl. Du besitzt die Musik dann wieder (so wie es bereits zu MP3 Zeiten war). Deshalb nutze ich auch Bandzoogle als Plattform für meine Website. Ich kann hier einfach E-Commerce Lösungen integrieren und der Umsatz geht 1:1 an mich.
- Direkte Kommunikation: E-Mail-Listen haben eine Öffnungsrate von 30-60%, im Vergleich zu weniger als 1% organischer Reichweite auf Streaming-Plattformen.
Die Wirtschaftlichkeit von Streaming ist für unabhängige Künstler ernüchternd:
- Durchschnittliche Auszahlung pro Stream: 0,003 bis 0,005 Dollar.
- Nach Abzug der Vertriebsgebühren bleiben 15-20% weniger.
- Durch Betrug verlieren Künstler weitere 10-30% ihrer Einnahmen.
- Effektive Auszahlung pro Stream: 0,002 bis 0,003 Dollar.
Im Vergleich dazu bringen drei Albumverkäufe auf Bandcamp über 21 Dollar ein, während 1.000 Spotify-Streams nur 3-4 Dollar einbringen.
Wie können sich Musiker schützen?
Indem sie ihre Analysen überwachen, Playlist-Curator recherchieren und ihre Einnahmequellen diversifizieren. Es ist wichtig, Plattformen zu wählen, die transparente Betrugserkennung und faire Revenue-Sharing-Bedingungen bieten.
Es drängt sich für mich zunehmend die Frage auf: Ist Musikstreaming zukunftsfähig? Wenn wir nicht mit Milliarden von AI generierten Songs überschwemmt werden und der ehrlichen, echten Musik wieder Stellenwert zuschreiben wollen, wird sich viel ändern müssen. In erster Linie das Verhalten von uns als Musikkonsumenten. Denn wie wir Musik von Bands beziehen wird künftig auch ausschlaggebend dafür sein, wie viele Musiker sich “echte Musik” noch leisten können.
Fazit
Der Streaming-Betrug ist nicht nur ein Problem falscher Zahlen, sondern betrifft die Kontrolle über die musikalische Kultur und wer von ihrer Erschaffung profitiert. Indem ich direkt bei Musikern kaufe oder alternative Streaming-Dienste wie Qobuz oder Apple Music nutze, kann ich ein faires und nachhaltiges Musikökosystem unterstützen.
Bleibt wachsam und unterstützt eure Lieblingskünstler direkt!